Triumph Tiger Sport 800 - Der Reisetourer mit dem lachenden Dreizylinder
Schon die ersten Kilometer im Stadtverkehr zeigen, wie zweigeteilt der Charakter dieses Motors ist. Unterhalb von 5000 Umdrehungen wirkt der 798-ccm-Dreizylinder fast bieder, drehmomentstark und gutmütig, wie man es von einem Touring-Bike erwartet. Doch sobald die Nadel Richtung 5000 Umdrehungen wandert, legt der Motor spürbar los. Von da an zieht er mit einer Verve nach oben, die man einem seriösen Langstreckentourer kaum zutraut, und der charakteristische Dreizylinder-Sound trägt seinen Teil dazu bei, dass die Landstrasse Richtung Vogesen zum Paradies mutiert. 115 PS bei 10750 U/min und 84 Nm bei 8.500 U/min klingen auf dem Papier solide, in der Praxis fühlt sich die Leistungsentfaltung lebendiger an, als es die Zahlen vermuten lassen.

Auf der Autobahn zeigt sich, wofür die Tour-Version tatsächlich gebaut ist. Die Sitzposition ist aufrecht, aber nicht behäbig, die Komfortsitzbank mit 3D-Netzstruktur stützt auch nach zwei, drei Stunden am Stück noch angenehm, und die Fussrasten sitzen genau dort, wo man sie bei einem Sporttourer erwartet: sportlich genug für zügiges Kurvenfahren, entspannt genug für die Reisegeschwindigkeit. Auch der Lenkerwinkel passt zu dieser Doppelrolle – man sitzt kompakt genug, um in Kurven mitzuarbeiten, und trotzdem so entspannt, dass die Schultern nach längerer Fahrt nicht verspannen. Der Windschutz lässt sich einhändig verstellen und macht auf Reisegeschwindigkeit einen spürbaren Unterschied. In der obersten Stellung bleibt der Helm nahezu ruhig, ohne dass es hinter der Scheibe zu unangenehmen Verwirbelungen kommt – ein Detail, das bei vielen Konkurrenten in dieser Klasse noch nicht so überzeugend gelöst ist. Das Fahrwerk in langsamen Kurven oder Serpentinen verlangt von mir als Fahrer alles ab. Das Vorderrad klappt bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h nervös ein. Dafür zeigt sich der Quickshifter von seiner besten Seite. Hoch- und Runterschalten sind butterweich, das linear abgestimmte Getriebe spielt nahtlos mit.

Weniger Begeisterung löst das Cockpit aus. Das LCD-Multifunktionsinstrument mit integriertem Farbdisplay wirkt neben der restlichen, durchaus modernen Ausstattung schlicht in die Jahre gekommen. Die Grafik ist eher zweckmässig als elegant, die Menüführung erinnert an ältere Triumph-Generationen, und im direkten Vergleich mit den grossen, freistehenden TFT-Displays anderer aktueller Reisetourer fällt die Tiger Sport optisch zurück. Funktional gibt es nichts zu meckern, das My-Triumph-Connectivity-System mit Navigation, Telefon- und Musiksteuerung per Bluetooth funktioniert zuverlässig. Es ist eher eine Frage der Anmutung als der Funktion.

Deutlich überzeugender präsentiert sich das Gepäckkonzept. Mit 57 Litern in den beiden farblich abgestimmten Seitenkoffern und 49 Litern im Topcase kommt die Tour-Version auf stolze 106 Liter Gesamtvolumen. Zwei Integralhelme finden im Topcase problemlos Platz, und auch für eine mehrwöchige Reise durch den Süden Frankreichs oder an den Gardasee bleibt in den Seitenkoffern noch Luft für Kameraequipment und Werkzeug. Die Koffer sind sauber verarbeitet, schliessen dicht und lassen sich mit dem Zündschlüssel ver- und entriegeln. Beim Beladen fällt auf, dass die Kofferdeckel weit aufklappen und selbst sperrige Gegenstände wie Stiefel ohne Kraftakt hineinpassen.

Bei der Grundausstattung zeigt sich, dass Triumph bei der Tour-Version tatsächlich an die Bedürfnisse von Vielfahrern gedacht hat. Beheizbare Griffe, Tempomat, Handprotektoren, Hauptständer, Reifendruckkontrolle, Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Quickshifter und vollständige LED-Beleuchtung gehören serienmässig dazu – Ausstattungsmerkmale, für die man bei manchem Mitbewerber erst durch die Optionsliste blättern muss. Genau diese Vollständigkeit macht den Aufpreis gegenüber der Basisversion nachvollziehbar.

Und damit sind wir beim Preis: Ab CHF 14'195.00 für die komplett ausgestattete Tour-Version ist die Tiger Sport 800 in ihrem Segment fair positioniert. Wer die Ausstattungsliste mit Koffersystem, Tempomat und Heizgriffen bei der Konkurrenz nachbaut, landet schnell in höheren Preisregionen – nur eben ohne den drehfreudigen Dreizylinder, der diesem Bike seinen Charakter gibt. Nach ein paar hundert Kilometern zwischen Baselbiet und den Vogesen fällt das Fazit leicht: Für das, was sie kann, ist die Tiger Sport 800 Tour ihr Geld wert. Wer über eine ausgedehnte Reise nachdenkt und Wert auf einen Motor mit Charakter statt nur auf nackte Zahlen legt, darf sich die Tiger Sport 800 getrost genauer ansehen – das etwas müde Display nimmt man in Kauf.






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