Ein Rennwagen im Anzug – mit Platz für die Familie
Alpine nennt die A390 einen «Rennwagen im Anzug». Drei Elektromotoren, Torque Vectoring und ein roter Überholknopf am Lenkrad sollen zeigen, dass die Formel-1-Marke auch Familie kann. Wir fahren die A390 GT und prüfen den Rennanzug genau an seinen Nähten.

Dieppe, Normandie. Hier baut Jean Rédélé in den 1950er-Jahren seine ersten Alpine. Und aus genau diesem Werk rollt jetzt auch die A390. Ein 4,62 Meter langes Crossover mit gut 2,1 Tonnen aus der Heimat der leichtfüssigen Flunder? Das klingt erst einmal nach Stilbruch.
Doch Alpine meint es ernst. Die Marke fährt in der Formel 1 und in der Langstrecken-WM, und genau dieses Erbe soll die A390 auf die Strasse bringen. Der erste Blick gibt den Franzosen recht: Die flache Dachlinie, die dreieckigen Leuchtelemente und die breiten Schultern lassen das Fahrzeug eher wie ein Coupé als wie ein SUV wirken. Die Optik ist gelungen, daran gibt es nichts zu rütteln.
Wir steigen ein und der Rennsport setzt sich im Cockpit fort. Am Lenkrad leuchtet ein roter «OV»-Knopf, daneben sitzt ein blauer Drehregler für die Rekuperation. Beides ist direkt vom Formel-1-Volant abgeschaut. Die Bühne ist bereit.

Drei Motoren, ein Ziel: Kurven
Unter dem Blech arbeiten drei E-Motoren: einer vorne, zwei hinten. Zusammen leisten sie 295 kW (400 PS) und 661 Nm, von 0 auf 100 km/h geht es in 4,8 Sekunden. Spannender als die Zahlen ist die Hinterachse. Weil jedes Hinterrad seinen eigenen Motor hat, schiebt das kurvenäussere Rad stärker an und dreht die A390 in die Kurve. Alpine nennt das Active Torque Vectoring, die Gewichtsverteilung liegt bei 49 zu 51.
Auf der Landstrasse spüren wir das. Der A390 lenkt präzise ein und bleibt neutral, das Gewicht verschwindet erstaunlich gut. Wir vermissen die Verspieltheit einer A110. Ein Sportwagen ist die A390 nicht, aber er fährt deutlich wacher als die meisten Elektro-SUV seiner Grösse.

Und dann ist da der rote Knopf. Ein Druck auf «OV», und für bis zu zehn Sekunden steht die volle Leistung bereit, untermalt von einem tiefen Kunstsound, der sich am Vierzylinder der A110 orientiert. Braucht man das? Nein. Macht es Spass? Und wie. Der Overboost ist pure Inszenierung, aber eine charmante.
Innen: Massarbeit statt Glasdach
Im Innenraum spielt die A390 ihre Klasse aus. Die Verarbeitung ist hochwertig, die Sitze sind vorne wie hinten bequem. Uns gefällt besonders, dass Alpine auf das obligate Glasdach verzichtet und stattdessen einen Dachhimmel aus Alcantara spannt. Das wirkt edel und erinnert an Rennsport-Cockpits.
Auch die Bedienung stimmt. Die Klimaanlage steuern wir über echte Tasten und Drehregler, die sich wertig anfühlen. Eine Favoritentaste lässt sich frei belegen, etwa um die nervigen Warntöne abzuschalten. Der hochauflösende Bildschirm reagiert schnell, das Devialet-Soundsystem klingt hervorragend.

Auf langen Fahrten überzeugen die Helfer. Der adaptive Tempomat hält den Abstand souverän, ohne übervorsichtig zu bremsen. Das One-Pedal-Driving ist sauber abgestimmt, über den blauen Drehregler wählen wir die Rekuperation wie im Rennwagen.
Wo der Rennanzug zwickt
So gut der Anzug sitzt, an einigen Stellen kneift er. Die Liste unserer Kritikpunkte ist länger, als uns lieb ist:
• Reichweite: Der Akku fasst 89 kWh netto. Im Alltag kommen wir damit auf knapp 400 Kilometer. Für einen Reisewagen dürfte es mehr sein.
• Autobahn: Ab 120 km/h steigt der Verbrauch deutlich. Electrive misst bei 130 km/h rund 26 kWh pro 100 Kilometer.
• Save-Modus: Im Sparmodus ist bei 120 km/h Schluss. Auf der deutschen Autobahn ist das ein Hindernis.
• Fond: Gemessen an 4,62 Metern Aussenlänge ist es hinten eng. Eine Mittelarmlehne fehlt ganz, für uns ein klarer Komfortmangel.
• Licht: Matrix-LED-Scheinwerfer gibt es nicht, in dieser Preisklasse eigentlich Standard.
• Materialmix: Hochwertig ja, aber an den Türen treffen zu viele unterschiedliche Materialien aufeinander. Weniger wäre mehr.
Die Leistungsfrage
Und damit zum grössten Widerspruch. 400 PS reichen im Alltag locker. Doch wer «Rennwagen im Anzug» verspricht, weckt andere Erwartungen. Der stärkere A390 GTS bringt 345 kW (470 PS), 824 Nm, 3,9 Sekunden auf 100 und lädt mit 190 statt 150 kW. In der Schweiz kostet er 74'500 Franken, der GT 10’000 Franken weniger. Für eine Marke mit Formel-1-Genen gehört die Leistung des GTS eigentlich schon ins Basismodell, zum Preis des GT.

Fazit: Rennsport-Gene mit Sicherheitsabstand
Der Alpine A390 GT ist ein schönes, hochwertig gefertigtes und dynamisches Elektroauto. Die Rennsport-Gene sind spürbar: im präzisen Handling, im roten OV-Knopf und im Cockpit mit Formel-1-Anleihen. Wer im Alltag zu viert unterwegs ist und trotzdem gerne Kurven fährt, findet hier einen charmanten Begleiter.






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