Kultur und Natur, Mystik und Märchen
- Daniel Jauslin (dja)

- vor 5 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Was wäre, wenn ein einziger Ausflug zwei Welten vereinen würde – die stille Spiritualität des Mittelalters und den verschwenderischen Glanz der Königsträume? Die Chiemsee-Inseln machen genau das möglich. Eingebettet ins Bayrische Meer, dem drittgrößten Binnengewässer Deutschlands, liegen Frauen- und Herreninsel wie vergessene Schätze auf dem Wasser – nah genug, um sie an einem Tag zu erkunden, und doch weit genug von der Welt entfernt, um einem vollkommen in den Bann zu ziehen.

Auf der Fraueninsel flüstert Geschichte aus jedem Stein: Ein Benediktinerinnenkloster, das Münster und die ehrwürdige Torhalle aus der Zeit Karls des Grossen erzählen von einer Epoche, in der diese Insel das spirituelle Herz Bayerns war. Wenige Minuten Bootsfahrt entfernt wartet die Herreninsel mit einer ganz anderen Art von Magie – dem prunkvollen Schloss Ludwig II., einem Bauwerk, das selbst Versailles Konkurrenz machen sollte. Dazwischen: das stille Chorherrenstift mit dem Verfassungszimmer und dem Kaisersaal, wo bayerische Geschichte geschrieben wurde.
Prien am Chiemsee
Wir beziehen unser Logis im Yachthotel Chiemsee, unweit von Stock, dem Ausgangspunkt für die Inselerkundungen. 1985 wurde das heutige 4 Sterne Yachthotel mit 100 Zimmern eröffnet. Der Empfang ist herzlich. Wir beziehen ein kleines Deluxe Seeseiten Zimmer mit Terrasse. Der Raum ist renoviert und macht optisch einen guten Eindruck. Das Badezimmer ist winzig. Der Schrank im Entree ist offen gestaltet und bietet genug Platz für Kleidung, welche man an einem verlängerten Wochenende benötigt. Die Terrasse bietet Platz für einen Tisch mit zwei Stühlen. Von hier führt ein Tor hinunter zu einem Liegeplatz mit zwei Sonnenliegen. Leider wurde während unserem Aufenthalt – und Wochen zuvor – dieser Bereich nie geputzt. Die Betten sind sehr weich, aber nicht unbequem. Eine Minibar ist vorhanden. Die Preise für zum Beispiel eine Flasche Wasser hingegen sind nicht mehr zeitgemäss. Diese Zimmerkategorie empfehlen wir ausschliesslich für Kurzaufenthalte.

Das Yachthotel ist ideal gelegen mit ausreichend Seeanstoss, Liegen und Lounges, sowie Outdoor Spiele wie Cornhole und Kubb. Cool. Die Wasserwelt mit Innenpool passt zum Hotel. Liegen und ansprechende Umgebung lassen uns nach einem Ausflug abends entspannen und ins Land der Träume entfliehen – zumindest bis Familien mit Kindern das Bad erobern. Draussen befindet sich ein Whirlpool, welcher abgedeckt und abseits guter Aussicht liegt. Der Saunabereich ist ansprechend und im Raum der SPA Anwendungen erleben wir durch geübte Hände Treatments, die unsere müden Muskeln wieder auf Vordermann bringen. Bravo. Das Frühstück wird im Kitz serviert. Die Auswahl ist ansprechend und entspricht unseren Erwartungen an ein 4 Sterne Haus. Das freundliche Personal fragt schon am zweiten Tag ob sie uns das bevorzugte Frühstückgetränk bringen darf. Wow. Uns gefällt hingegen nicht, dass zum Beispiel der leckere Aufschnitt lieblos und «en Block» präsentiert wird.
Unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen hat das hauseigene Restaurant Blu. Der Levante – jene geheimnisvolle Region, wo Orient und Okzident seit Jahrtausenden verschmelzen – hat eine Küche hervorgebracht wie keine andere: feurig und zart zugleich, uralten Wurzeln treu und doch immer überraschend. Genau diese Magie bringt das BLU auf den Teller. Wir treten ein und spüren es sofort: Hier stimmt alles. Das Ambiente zieht uns in seinen Bann, bevor der erste Bissen getan wird. Düfte, Licht, Atmosphäre – das BLU ist kein gewöhnliches Restaurant, sondern ein Ort, an dem Gastfreundschaft zur Kunst wird und jeder Abend zum Erlebnis. Schon der Apero begeistert. Hinter den Kulissen arbeitet ein Küchenteam, das sein Handwerk mit echter Leidenschaft betreibt: levantinisch-mediterrane Klassiker werden hier nicht einfach nachgekocht – sie werden neu erfunden, verfeinert und mit einer unverwechselbaren Handschrift versehen. Das Ergebnis? Geschmackskompositionen, die vertraut wirken und dennoch überraschen. Wir sind vollends begeistert.

Wer die Herreninsel betritt, begibt sich in eine andere Welt. 240 Hektar Weiden, Wälder und Stille – und mittendrin eines der kühnsten Bauwerke, die ein bayerischer König je erträumt hat. Doch die Geschichte dieser Insel beginnt lange vor Ludwig II: Bereits 629 n. Chr. stand hier das älteste Kloster Bayerns, später residierte der Bischof des Bistums Chiemsee auf diesem Eiland inmitten des Bayerischen Meers. Dass die Insel heute noch so unberührt wirkt, verdankt sie ausgerechnet dem Märchenkönig selbst. Als Ludwig II sie 1873 als Standort für sein Traumschloss Herrenchiemsee erkor, rettete er sie mit seinem Kauf buchstäblich vor der Abholzung. Seitdem ist die Herreninsel im Besitz des bayerischen Staats – und für Privatfahrzeuge und Fahrräder gesperrt. Kein Motorenlärm, keine Hektik. Wer hierher kommt, entschleunigt zwangsläufig. Der Weg zum Schloss – rund zwanzig Minuten zu Fuss durch alten Baumbestand – gehört bereits zum Erlebnis. Oder man überlässt sich, ganz wie einst der König, dem Rhythmus der Pferdekutsche und lässt die Insel langsam an sich vorbeiziehen. Seit dem rätselhaften Tod Ludwigs II im Jahr 1886 ist sein unvollendetes Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich – und seitdem reisst der Strom der Besucher nicht ab. Rund 450 000 Menschen aus aller Welt pilgern jährlich auf die Insel. Ausgangspunkt für die meisten ist Prien am Chiemsee, das bereits 1860 an die Eisenbahnlinie München–Salzburg angeschlossen wurde und sich zum bedeutendsten Tourismusort am See entwickelt hat. Die Herreninsel ist kein Ausflugsziel. Sie ist eine Zeitreise ins einzigartige Schloss Ludwig II.

Wo die Herreninsel mit königlicher Geste beeindruckt, bezaubert ihre kleine Schwester mit echter Lebendigkeit. Gerade einmal 13,5 Hektar – und doch steckt die Fraueninsel voller Geschichten, Gerüche und Begegnungen, die man so schnell nicht vergisst. Rund 250 Menschen nennen diese Insel ihr Zuhause – viele von ihnen in Familien, deren Wurzeln hier seit Jahrhunderten verankert sind. Früher lebten sie vom Fischfang und vom Handwerk für das Benediktinerinnenkloster. Heute ist es der Tourismus, der die Insel am Leben erhält – und das auf eine Weise, die nichts von ihrer Seele verloren hat. In kleinen Biergärten am Ufer servieren die Chiemseefischer ihre geräucherten Spezialitäten, während beim historischen Inseltöpfer Keramikkünstler am Werk sind – und Besucher einfach zuschauen dürfen. Wer durch die engen Gassen schlendert, entdeckt gemütliche Gasthöfe, eine Inselbrauerei, eine Galerie und Andenkenläden voller Charme. Selbst die ehrwürdigen Benediktinerinnen haben sich dem Besucherstrom geöffnet: Im Klosterladen warten Klosterlikör und Marzipan, der Klosterwirt lädt zur Rast ein, und die alten Mauern beherbergen heute Seminare und Begegnungen jeder Art. Für alle, die bleiben möchten: Privatquartiere mit eigenem Badeplatz, Bootsverleih und sogar ein Inseltaxi sorgen dafür, dass aus einem Ausflug ganz leicht ein unvergesslicher Aufenthalt wird. Die Fraueninsel ist kein Museum – sie ist ein lebendiger Ort, der seinen Gästen das Gefühl schenkt, für einen Moment wirklich dazuzugehören. Ganzjährig erreichbar per Schiff ab Prien oder Gstadt – und nur eine kurze Überfahrt von der großen Welt entfernt.

Die legendäre Dampf-Strassenbahn aus dem Jahr 1887 schnaubt und pfeift die 1800 Meter lange Strecke vom Bahnhof Prien hinunter zum Hafen Prien/Stock. Wir gehen mit ihr auf eine Reise in die Vergangenheit, nehmen Platz im Original-Salonwagen und lauschen dem Pusten und Dampfen der Lokomotive.

Vier Adressen, eine Region – kulinarisches Prien am Chiemsee
Wer nach einem Tag auf den Chiemseeinseln einen würdigen Abschluss sucht, wird in Prien am Chiemsee fündig – und das gleich auf mehreren Ebenen.
Im Herzen der Stadt wartet das Wieninger Bräu mit allem, was ein echtes bayerisches Wirtshaus ausmacht: ein gemütlicher Gastraum im Gewölbekeller Wieningerbraeu, eine sonnige Terrasse und eine Küche, die keine Kompromisse macht. Regionale und frische Zutaten stehen im Mittelpunkt der Speisekarte – ob saftige Schweinshax'n in Biersosse, zartes Hirschgulasch oder fangfrisches Chiemsee-Renkenfilet im Bierteig. Nach einem Umbau feierte das Wieninger Bräu im März 2025 seine Wiedereröffnung und empfängt uns Gäste seither in neuem Glanz.

Wer es etwas ruhiger und seenäher bevorzugt, findet beim Zum Fischer am See seinen Platz. Das familiäre Hotel-Restaurant liegt direkt am Westufer des Chiemsees und serviert täglich fangfrischen Chiemseefisch in bekömmlicher regionaler Küche. Auf der Terrasse direkt am See speist man mit Blick auf die Berge und wer mag, kauft nebenan frische Fischspezialitäten für daheim. Der Michelin-Guide hat das Lokal längst mit dem begehrten Bib Gourmand ausgezeichnet.

Ein ganz anderer Wind weht in der Hacienda Tapasbar: Mitten in Prien, nur wenige Minuten vom See entfernt, serviert die Hacienda original spanische Tapas – und das seit über 25 Jahren. Rund 40 verschiedene Tapas-Gerichte stehen zur Auswahl, serviert in einem Ambiente aus warmen Erdtönen, Kerzenlicht und spanischem Flair. Ein Kontrastprogramm zur bayerischen Küche – und für viele Stammgäste längst ihr liebstes Restaurant im Chiemgau.

Die Familie Utz betreibt den Utzhof in Lienzing bei Gstadt seit März 2013 in dritter Generation – neben dem Hofcafé vermieten sie auch Ferienwohnungen. Was das Utz besonders macht, ist die konsequent regionale Ausrichtung: Brot und Semmeln kommen vom Dorfbäcker, die Eier vom Nachbarn, Fleisch vom Feinkosthaus, Milchprodukte von der Molkerei. Ein wunderschön gelegener Weiler, an dessen Rand das Hofcafé steht und zum Verweilen einlädt – Katzen streichen herum, hinter dem Haus stehen Alpakas, vor dem Haus gackern Hühner, ein grosser Spielplatz und eine Schaukelbank mit Blick ins Land ergänzen das Bild. Auf der Karte steht, was nach überlieferten Rezepten selbstgemacht wird: Kuchen, Torten und traditionelles Schmalzgebackenes wie Schuxen, Hasenöhrl oder Auszogene. Unser Lob gehört dem frisch zubereiteten Kaiserschmarrn. Das jahrhundertealte ehemalige Stallgewölbe lädt zum Verweilen ein. Kurz gesagt: ein uriges, herzliches Familiencafé mit viel Charakter – ideal für alle, die nach einem Inselbesuch in Ruhe einkehren und echte, hausgemachte Kost geniessen möchten. Achtung: Nur Bares ist Wahres.
Hoch hinaus – die Kampenwand und ihre Seilbahn
Das Wahrzeichen von Aschau im Chiemgau ist die von weither sichtbare Kampenwand – mit ihrer markanten Silhouette, die an den Kamm eines Hahns erinnert, begleitet sie Reisende schon bei der Anreise an den Chiemsee. Die Vierergondel-Seilbahn bringt Besucher ganzjährig in rund 15 Minuten von Aschau auf 1461 Meter Höhe. Oben empfängt uns ein Panorama, das uns den Atem verschlägt: Von der Bergstation reicht der Blick von den Berchtesgadener Bergen über das Steinerne Meer bis in die Hohen Tauern – und hinunter auf den Chiemsee mit seinen Inseln. Ein fast ebener Panoramaweg, Kletterrouten, Mountainbike-Trails und ideale Thermik für Gleitschirmflieger machen die Kampenwand zum Ausflugsziel für jeden Geschmack.

Der passende Feldstecher
Ob hoch zu Berg oder versteckt im Schilf beobachten wir mit dem hervorragenden Feldstecher Victory SFL 8x40 von Zeiss die Tierwelt rund um Prien. An landschaftlich besonders reizvollen Plätzen finden wir rund um den See Aussichtsplattformen, die uns zum Beobachten der vielseitigen Vogelwelt einladen. Mit dem 640g Gramm leichten Edelglas, fällt es uns leicht, dieses in unseren Rucksack zu packen, um für Beobachtungen aller Art gewappnet zu sein. Wir geniessen das gestochen scharfe Bild und stellen fest, dass uns die Naheinstellgrenze von lediglich 150mm neue Welten von Pflanzen und Insekten eröffnet.

Pedaltreten mit Panorama – der Radrundweg um den Chiemsee
Wer den Chiemsee wirklich kennenlernen will, der steigt aufs Fahrrad, welches das Hotel in Form von E-MTB zur Verfügung stellt. Der rund 57 Kilometer lange Rundweg umrundet das Bayerische Meer auf meist flachen, gut ausgeschilderten Wegen – vorbei an malerischen Uferdörfern, weiten Wiesen und immer wieder atemberaubenden Blicken auf Wasser und Alpenpanorama. Ob Familien, Genussradler oder sportliche Tourenfahrer: Der Chiemsee-Radweg lässt kaum Wünsche offen. An den zahlreichen Anlegestellen lädt die Chiemsee-Schifffahrt ein, das Rad kurzerhand gegen ein Schiffsdeck zu tauschen – und die Inseln gleich mit zu erkunden. Ein Tag, zwei Räder, ein See. Mehr braucht es nicht.

Fazit
Wasser, Berge, Geschichte und Genuss – der Chiemsee vereint auf kleinstem Raum, wofür andere Regionen tagelange Reisezeit erfordern. Zwei Inseln mit Jahrhunderten Geschichte, eine Königsvision in Stein, lebendige Dorfkultur, eine Bergwelt zum Greifen nah und eine Gastronomie, die von urbayrisch bis levantinisch keine Wünsche offenlässt. Der Chiemsee ist kein Ausflugsziel. Er ist eine Entdeckung – die man am liebsten sofort wiederholen würde.








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