The Cambrian, Adelboden: Wo die Berge zum Dessert serviert werden
- Daniel Jauslin (dja)

- 25. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Es gibt Hotels, die einen Ort einfach besetzen. Und es gibt Hotels, die ihn übersetzen. The Cambrian in Adelboden gehört klar zur zweiten Kategorie: ein Designhotel, das die schroffe Eleganz der Berner Voralpen in klare Linien, warme Hölzer und ruhige Farben gefasst hat – ohne dabei den Talkessel und seine Gipfel je aus den Augen zu verlieren. Wir haben ein paar Tage dort verbracht, und am Ende blieb vor allem ein Gefühl: angekommen zu sein, ohne dass wir je gemerkt hätten, wie viel Arbeit hinter dieser Leichtigkeit steckt.
Ankunft mit Aussicht

Schon der erste Blick aus dem Zimmer macht klar, warum man hierherkommt. Unsere Cambrian Suite öffnet sich auf ein Panorama, das man eigentlich nur aus Hochglanzbroschüren kennt: Wiesen, die in steile Felswände übergehen, und dazwischen dieses spezielle Adelbodner Licht, das selbst grauen Nachmittagen noch eine gewisse Wärme verleiht.
Innen zeigt sich das Cambrian von seiner ruhigsten Seite. Im Schlafzimmer liegt ein weicher Teppich, der jeden Morgen ein kleines bisschen Luxus unter die Füsse bringt, während sich im restlichen Wohnbereich edles Parkett ausbreitet – warm, aber mit der nötigen Klarheit, die zum gesamten Designkonzept des Hauses passt. Ein separates WC sorgt für die Art von Komfort, die man erst vermisst, wenn man sie nicht hat, und das Sofa lädt mit seiner Tiefe regelrecht zum Versinken ein. Ein Tisch mit vier Stühlen macht die Suite alltagstauglich, sei es für den Espresso am Morgen oder als Arbeitsplatz, ein TV und ein zusätzlicher Hocker runden das Mobiliar ab. Im Bad wartet die Kombination, die man sich in den Bergen wünscht: Dusche für die schnelle Variante nach der Skipiste oder Wanderung, Badewanne für den ruhigen Abend.

Die Möblierung folgt insgesamt einer angenehm zurückhaltenden, trendigen Farbpalette – nichts schreit hier nach Aufmerksamkeit, alles fügt sich zusammen. Ein kleiner Wermutstropfen für alle, die viel Gepäck oder Kleidung mitbringen: Haken sucht man in der Suite fast vergeblich, hier könnte das Cambrian künftig noch etwas nachlegen. Eine Klimaanlage gibt es nicht, was in den hochsommerlichen Wochen spürbar wird, in der Höhenlage Adelbodens und mit offenem Fenster aber gut zu kompensieren ist.
SPA-Zeit: zwischen Gipfelblick und zu viel Bass
Der Spa-Bereich ist zweifellos ein Herzstück des Hauses, und er hält, was die Fotos versprechen. Der Aussenpool wird im Sommer angenehm warmgehalten, was besonders an kühleren Bergabenden ein Segen ist während uns das Alpenglühen in einen Rausch versetzt

– und die Aussicht von hier aus dürfte zu den schönsten gehören, die man in einem Pool in der Schweiz finden kann. Einziger Wunsch an dieser Stelle: ein paar mehr Liegestühle damit man die Aussicht auch liegend geniessen kann, denn an sonnigen Tagen wird es um die wenigen vorhandenen Plätze schnell eng.

Der Innenpool punktet vor allem mit seiner Wassertemperatur, die genau die richtige Mitte zwischen erfrischend und gemütlich trifft – perfekt für längere Bahnen oder einfach zum Treibenlassen nach einem aktiven Tag.

Auch der Behandlungsbereich überzeugt: Fachkundige Hände wissen genau, was sie tun, und lösen mit gezielten Griffen unsere verspannte Muskulatur, die ein Tag in der Bergwelt rund um Adelboden mit sich bringt. Gezielt werden Faszien gelöst, und der Körper fühlt sich nach knapp einer Stunde wieder bereit, der nächsten Herausforderung entgegen zu gehen.

Die Bar am Pool – cool gestaltet, mit Blick auf die Berge fesselt uns? Die Cocktails sind sauber gemixt und machen Lust auf einen zweiten, und das Schokoladeneis, das hier serviert wird, ist schlicht ein Traum: cremig, intensiv, genau die Art von kleinem Highlight, das einen Bergnachmittag perfekt abrundet.
Bryn Williams: ein Fünf-Gänge-Überraschungsmenü, das sitzt
Den kulinarischen Höhepunkt unseres Aufenthalts liefert zweifellos das Restaurant von Bryn Williams im Cambrian. Wir entscheiden uns für das Überraschungsmenü mit fünf Gängen – und werden auf eine Art verwöhnt, die selten so konsequent gelingt. Jeder einzelne Gang ist exakt auf den Punkt gegart, durchdacht komponiert und geschmacklich präzise austariert. Es ist diese Art von Küche, bei der man merkt: Hier wird nicht nur nach Lehrbuch gekocht, sondern mit einem klaren Gefühl dafür, was harmoniert und einen Teller zum Sprachrohr kürt. Den eindeutigen Höhepunkt des Abends setzt das Lamm mit Auberginen. Butterzart, mit einer Tiefe im Geschmack, die zeigt, wie viel Sorgfalt in der Zubereitung steckte, und einer Auberginen-Komponente, die genau die richtige Cremigkeit und Würze beisteuert, um das Fleisch perfekt zu ergänzen. Es ist eines jener Gerichte, an die man sich noch lange nach der Abreise erinnert.

Auch am Morgen wird im Cambrian nicht gespart: Das Frühstücksbuffet bietet alles, was man sich von einem Vier-Sterne-Haus wünscht. Frische Brötchen und eine grosse Auswahl an Broten und «Züpfe», dazu Bergkäse, Wurstwaren und Früchte – alles, was das Herz begehrt, ist vorhanden.

Ausflüge in die Bergwelt

Wer im Cambrian wohnt, bleibt selten lange im Tal. Wir fahren an mehreren Tagen auf die umliegenden Berge auf knapp 2000 Meter Höhe, wo die Luft ausgezeichnet und die Temperaturen im Sommer geradezu perfekt sind. Auf die Sillerenbühl bringt uns das «Bähnli». Im Bergrestaurant warten frische Salate und eine Küche, die jede Bestellung umgehend zubereitet, sodass wir alles frisch und warm geniessen. Hier liegt auch der «Vogellisi-Berg», Ausgangspunkt für kleine bis ausgiebige Wanderungen – und Startpunkt der 45 Kilometer langen Trottiland-Strecke, dem weltweit grössten zusammenhängenden Trottinett-Netz. Wir holen uns unsere Gefährte und flitzen auf der schwarzen Piste durch eine einzigartige Berglandschaft hinunter nach Adelboden.

Eine 35-Personen-Gondel führt von der Talstation hinauf zur Engstligenalp. Wir erleben vor Ort den Alpaufzug, bei dem 350 Rinder den steilen Weg hinauf zum Hochplateau getrieben werden – immer den Wasserfällen entlang. Oben öffnet sich ein idyllisches Hochplateau: Von den umliegenden Bergspitzen fliesst Wasser in kleinen Rinnsalen hinunter, bis sich, je nach Jahreszeit, ein kleiner See bildet, bevor das Wasser tosend in zwei Kaskaden rund 600 Meter in die Tiefe stürzt.

Mitten im Dorf Adelboden befindet sich die Talstation zur Tschentenalp. Drei aneinandergekoppelte Gondeln erklimmen den Berg innerhalb von sieben Minuten, und der Ausblick oben ist phänomenal. Ebenso überzeugend zeigt sich das Restaurant: Das Personal ist aufmerksam, und die Küche hinterlässt bleibende Eindrücke. Der hauseigene Eistee entlockt ein spontanes Wow, und das frische Beefsteak Tartar ist äusserst ausgewogen gewürzt – serviert mit getoastetem Bergbrot, eine wahre Offenbarung.

Ein Hotelmitarbeiter chauffiert uns ausserdem ins Panorama-Schwimmbad «Gruebi». Wir ergattern eine der raren Liegen und geniessen jeden Augenblick mit dem spektakulären Blick auf die Berge. Bereits 1928 nach den Plänen des Bäderbau-Pioniers Beda Hefti erbaut und 2018 originalgetreu saniert, zählt das «Gruebi» zu den schönsten Freibädern der Schweiz. Das Schwimmbecken ist 50 Meter lang, das frische Quellwasser hat genau die richtige Temperatur, um sich im Sommer abzukühlen. Wunschgemäss werden wir vom hoteleigenen Shuttle pünktlich wieder abgeholt.

Fazit
The Cambrian ist ein Hotel, das genau weiss, wofür es steht: zeitgenössisches alpines Design, eine Wellness-Welt mit echtem Wow-Faktor und eine Küche, die mit Bryn Williams am Herd weit über das hinausgeht, was man in einem Bergdorf dieser Grösse erwarten würde. Die kleinen Unstimmigkeiten – zu wenige Haken im Zimmer, zu laute und nicht immer stimmige Musik im Hotel, die fehlende Klimaanlage im Sommer – schmälern den Gesamteindruck kaum. Wer hierherkommt, kommt wegen der Aussicht, bleibt wegen des Spas und träumt nachts vom Lamm mit Auberginen.





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