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Cadillac Lyriq – gefälliger US Ambassador

In einigen internationalen Metropolen begegnet man ihm bereits häufiger: dem Cadillac Lyriq – ein leiser Hinweis darauf, dass sich der amerikanische Newcomer zunehmend zwischen den etablierten deutschen und asiatischen Premiumherstellern positioniert. Wie gut er sich im Reigen der elektrischen Oberklasse tatsächlich behauptet, zeigt ein genauer Blick.



Cadillac knüpft mit dem Lyriq an eine hauseigene Tradition an: Bereits in den 1940er-Jahren avancierten elegante Fließhecksilhouetten zum automobilen Modetrend, bevor das Stufenheck jahrzehntelang das Markengesicht prägte. Erst in den späten 2010er-Jahren kehrten die stromlinienförmigen Linien zurück – ein Stil, den Cadillac nun mit der elektrischen Limousine Lyriq neu interpretiert.

Mit fünf Metern Länge tritt er in der Liga von BMW i5 und Co. an, bleibt jedoch ein bewusst eigenständiger Charakter. Optisch selbstbewusst, technisch ambitioniert – und mit einem Einstiegspreis von rund 83000 EUR/CHF vergleichsweise attraktiv. Die Ausstattung ist großzügig gehalten; wer Farbakzente, Nappaleder, ein Panorama-Glasschiebedach oder eine Anhängerkupplung wünscht, ergänzt dies modular.



Design & Interieur – Eleganz mit amerikanischer Handschrift

Im Innenraum trifft hochwertige Haptik auf eine klar strukturierte Formsprache. Vorne genießen Reisende reichlich Platz, während Großgewachsene (>185cm) im Fond bereits an die Dachlinie stoßen. Eine kleine Schwäche offenbart sich in der Positionierung der Kopfstützen hinten. Schwer wirkt der Lyriq nicht nur optisch: Mit 2863 Kilogramm zählt er zu den massivsten Fahrzeugen seiner Klasse – der Preis für die solide Konstruktion und einen großzügig dimensionierten 102-kWh-Akku. Dieser ermöglicht laut WLTP bis zu 530 Kilometer Reichweite.

Mit 388 kW (528 PS) und bis zu 600 Nm Drehmoment agiert der Lyriq souverän und kraftvoll. Trotz widriger Testbedingungen blieb der Verbrauch mit rund 27 kWh/100 km im akzeptablen Bereich – erstaunlich, angesichts des Gewichts und der gebotenen Leistungsreserven.



Komfort & Fahrgefühl – sanft, souverän, aber nicht sportlich

Das Fahrwerk findet eine gelungene Balance zwischen Komfort und Stabilität. Lediglich grobe Querfugen lassen es kurz aus der Ruhe geraten. Die Lenkung hingegen dürfte präziser sein: Drei Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag verleihen etwas Trägheit, die eher seinem Gewicht als der Grundabstimmung geschuldet ist.

Assistenzseitig bleibt der Lyriq in Europa noch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das vielzitierte „Super Cruise 2“ ist hier mangels Zulassung kaum relevant und die adaptive Geschwindigkeitsregelung arbeitet solide, aber nicht visionär.


Rekuperation & Bedienung – überraschend intuitiv

Eine Besonderheit ist das Rekuperationssystem: Statt Paddles nutzt der Lyriq eine Schaltwippe, welche die Verzögerung fein dosierbar macht – ein System, das intuitiver wirkt als manch automatische oder geschwindigkeitsbasierte Lösungen.

Die Bedienung erfolgt über großflächige Touchfelder, die gut reagieren und auch mit Handschuhen funktioniert haben dürften – nicht untypisch für ein Fahrzeug, das in Michigan und Alaska erprobt wurde. Die Menüführung ist logisch, das Sprachsystem jedoch selektiv: poetische Hinweise auf Hunger oder Kälte versteht es kaum, klare Kommandos hingegen zuverlässig. Ein NOGO ist die induktive Ladefunktion für Mobiltelefone, welche schlichtweg nicht laden will und ein vom System gewünschtes Software Update, welches sich partout nicht installieren lässt…



Ladeleistung – solide, aber nicht führend

Die 800-Volt-Ultium-Plattform ermöglicht theoretisch bis zu 190 kW Ladeleistung – ein Wert, der bereits im Mittelfeld liegt und bei realer Nutzung schnell abfällt. So dauert der Sprung von 10 auf 80 Prozent rund 40 Minuten. Stärken zeigt er dagegen beim AC-Laden: Dank 22 kW eignet er sich ideal für längere Aufenthalte oder Geschäftsmeetings.


Eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten

Der Cadillac Lyriq überzeugt mit charakterstarkem Design, guter Verarbeitungsqualität und einem Interieur, das amerikanischen Luxus neu interpretiert. Er dürfte etwas leichter sein, eine direktere Lenkung und schnelleres Laden bieten – doch als markantes Statement in der elektrischen Oberklasse gelingt ihm ein eindrücklicher Auftritt.


Fazit

Der Lyriq erweitert die Premiumlandschaft um eine stilvolle Alternative, die sich souverän zwischen klassischen Limousinen, Kombis und modernen CUVs positioniert. Typisch amerikanisch setzt er auf Größe und Ausdruckskraft – ohne die automobile Welt neu zu definieren, aber mit der Eleganz eines Modells, das bewusst seinen eigenen Weg geht.



Daten und Zahlen:

L x B x H: 5.005 x 1.977 x 1.623 mm 

Radstand: 3094 mm

Kofferraumvolumen: ab 588 – 1722 l

Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse

Max. Leistung kW (PS): 388 kW (528 PS)

Max. Drehmoment: 610 Nm

Testverbrauch Gesamt: 28,99 kWh/100 km (14,2 g CO2)

Zuladung: 437 kg

Anhängelast gebr./ ungebr.: 1.587/750 kg

Wendekreisdurchmesser: 12,5 m

 




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Kontakt: Daniel Jauslin | Unterer Rütschetenweg 25B | CH-4133 Pratteln | blog [at] jauslin.net

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