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GoPro Fusion Einzigartig: 360 Grad Rundblick


Mit der Fusion steigt Actioncam-Pionier GoPro in den Markt der 360-Grad-Panorama-Videokameras ein (auch VR-Kameras, für "Virtual Reality", genannt). Die Kamera fängt also alles von meinem Standort aus ein, und der Betrachter bestimmt später den Bildausschnitt. Da bei solchen Filmen normalerweise immer nur ein relativ kleiner Ausschnitt betrachtet wird, erfordern VR-Filme eine enorm hohe Auflösung, wenn der betrachtete Teilausschnitt immer noch scharf sein soll. Hier will die GoPro Fusion mit Videos in so genannter 5,2K-Auflösung (das sind 12,5-Megapixel-Videos) neue Massstäbe setzen.

Nun, was soll eine derart komplexe Kamera in einem Reisemagazin? Die Antwort ergibt sich von alleine. Zum Reisen gehört Action: Fahrrad, Trekking, Klettern, Wandern, Kajak- und Kanutouren, Tauchen & Schnorcheln, Surfen, Autofahrten, Bergbahnen, Paragliding, Angeln und so weiter. Bei all diesen Gelegenheiten kann ich mit der Fusion atemberaubende Bilder einfangen – und mit meinen Lesern teilen.

Ganz interessant und nützlich ist das Selfie-Stick-Stativ, welches auch wirklich neu mit der Fusion auf den Markt gekommen ist, aber grundsätzlich auch mit allen anderen GoPro-Kameras genauso gut funktioniert. Der Handgriff besteht aus drei Beinen, die auseinandergespreizt halbwegs guten Stand bieten, selbst wenn ich den Selfie-Stick ausziehe. Zusammengeklappt werden die drei Beine durch Magnete zusammengehalten.

Was ich vermisse, ist zum einen eine Öse für einen Sicherungsgurt, zum anderen ein Stativgewinde. Das Konzept der GoPro-typischen Halterung mit dem Verzicht auf ein Stativgewinde mag bei normalen Actioncams noch aufgehen. Eine Kamera wie die Fusion wird aber vermutlich nicht in erster Linie an Klebehalterungen auf Surfbrettern oder Helmen montiert. Solche Kameras will man auch häufig auf Hochstativen und an diversen professionellen Halterungen befestigen. Und das funktioniert nun einmal über ein Stativgewinde. Natürlich kann ich in die Halterung der Fusion einen Stativgewindeadapter schrauben, so habe ich es auch gemacht. Aber ein wirklich gutes Gefühl hatte ich dabei nicht. Immerhin ist die Fusion deutlich schwerer und grösser als eine Hero6 und kann somit viel grössere Hebelwirkung auf den Stativadapter ausüben. Es wäre meiner Meinung nach sinnvoll, wenn GoPro direkt an der Fusion ein stabiles Stativgewinde anbieten würde. Die Fusion hat zwei "Augen", eines vorne und eines hinten. Beide decken jeweils etwas mehr als einen Halbkreis ab, sodass ein Überlappungsbereich entsteht, in dem die beiden Aufnahmen zusammengefügt werden müssen. Das macht die Fusion aber nicht intern, nicht einmal bei Fotos, sondern grundsätzlich extern. GoPro ist bei der Fusion so konsequent, die Aufnahmen der beiden Kameras sogar auf getrennten Speicherkarten aufzuzeichnen. Dazu hat die Fusion im Akku-Fach zwei Speicherkartensteckplätze. Dadurch umgeht GoPro Engpässe bei der Speicherung, denn dadurch steht quasi die doppelte Datenübertragungsbandbreite zur Verfügung. Dabei ist die aufgezeichnete Datenmenge pro Karte gar nicht mal so hoch. Erst zusammen wird es viel. Eine Minute Video hat etwa 340 MB, pro Kamera versteht sich. Dabei habe ich die Wahl zwischen 5,2K mit 30 fps oder 3K mit 60 fps. Die Datenrate beträgt jeweils rund 45 Mbit/s. Die Videos sind MP4 mit H.264-Kompression. Die angegebenen Auflösungen beziehen sich auf das spätere Endformat.

Interessant dabei ist, dass die aufgezeichneten Fotos und Videosnicht quadratisch sind wie sonst bei Panoramakameras üblich (oder sie haben die doppelte Breite zur Höhe, wenn sie side by sidein einer Datei gespeichert werden). GoPro beschneidet die Bilder oben und unten etwas, d. h. dort zeichnet die Kamera weniger "Reservebildkreis" mit auf als links und rechts. Dort allerdings finden sich, das muss man ehrlicherweise sagen, auch keine verwertbaren Bildinformationen mehr. Die Überlappung der Aufnahmen der vorderen und hinteren Kamera ist relativ gering, etwa 190 Grad Bildwinkel zeichnet jede der beiden Kameras auf. Das reicht zum späteren Zusammenfügen in der App.

Durch die 2-Micro-SD-Speicherkarten-Technik ist das Auslesen der Bilddaten übrigens etwas nervenzehrend. Grundsätzlich einfach ist es zwar, wenn ich die Kamera per USB an den Rechner anschliesse. Allerdings ist die USB-Schnittstelle sehr langsam, sodass die Datenübertragung in den Rechner sehr lange dauert. Viel schneller geht es per internen SD Kartenleser, aber dazu müsste ich beide Karten nacheinander aus der Kamera entnehmen (was etwas fummelig ist) und die darauf gespeicherten Daten in einer bestimmten Struktur auf der Festplatte ablegen, denn die GoPro Fusion Studio Software erwartet die Dateien nach ganz bestimmten Verzeichnissen getrennt für die beiden Speicherkarten – nämlich front undrear. Wenn ich die Struktur aber einmal angelegt habe und neue Videos immer dort hineinkopiere, ist das kein Problem mehr.

Die GoPro Fusion bedient sich dem ersten Anschein nach wie eine GoPro Hero. Die bewährte Sprachsteuerung ist wieder mit an Bord und das Status-Display ist mir auf den ersten Blick ebenfalls bekannt vorkommen. Es ist sogar beleuchtet. Die Kamera selbst hat nur den Ein/Aus-Taster, mit dem die Betriebsart umgeschaltet wird (Foto/Zeitraffer/Video), und den Auslöser. Die Bedienung direkt an der Kamera bietet sich bei einer 360-Grad-Kamera eher nicht an. Die Sprachsteuerung ist da praktischer und natürlich die Bedienung mit der App. Interessanterweise hat GoPro die gesamten Zusatzfunktionen, welche die Fusion braucht, mit in die normale GoPro App gepackt, die bislang nur für die normalen Actioncams war. Die Verbindung mit der Fusion per WLAN und Bluetooth klappt genauso gut wie mit einer Hero6. Über die App kann ich alles wie gewohnt steuern. Nur in der Vorschau und bei der Wiedergabe sehe ich vollsphärische Fotos und Videos und kann mich darin bewegen und die Fotos und Videos direkt teilen. Dabei wird aber quasi "quick and dirty" nur die Vorschau-Qualität geteilt, nicht die Qualität, die ich beim Zusammenfügen am Mac mit der Fusion Studio Software erreichen kann.

Direkt anschauen lässt sich ein 5,2K-Videos mit dem GoPro VR Player, einer Desktop-Software, die ich kostenlos von der GoPro-Website herunterladen konnte. Die Videos sind dermassen scharf und detailreich, und ich kann sogar sinnvoll hineinzoomen. Das Ergebnis der Ausschnitte aus dem 12,5-Megapixel-Video erinnert eher an das Betrachten eines Fotos (16,5 Megapixel) als an das, was man sonst von einem VR-4K-Video (8,3 Megapixeln) kennt – nur dass es sich dabei eben um ein «Bewegt Bild» handelt. Das ist wirklich sehr beeindruckend, sofern die Wiedergabe-Hardware das hergibt.

Das Zusammenfügen der beiden Einzel-Videos, für das sich die Fusion Studio Software so viel Zeit nimmt, erfolgt entsprechend akkurat. Durchweg sehr gut gelingt das Angleichen der Helligkeiten und Farben im Randbereich, sodass sich ein wirklich homogenes zusammengesetztes VR-Video ergibt. Deutlich sieht man allerdings einen Qualitätsabfall im Randbereich, je nach Motiv unterschiedlich stark. Besonders undankbar sind extreme Kontraste im Schnittbereich der beiden Kameras. Liegen dort z. B. die schwarzen Zweige eines Baums vor hellem Himmel, habe ich deutliche bis unangenehm starke Farbsäume im Video. So etwas bereits bei der Aufnahme zu berücksichtigen und zu vermeiden, ist mitunter schwierig, denn GoPro empfiehlt ausdrücklich wichtige Motiv-Teile möglichst in die Mitte der beiden Kamera-Sichtfelder zu legen. Dort ist die Qualität am höchsten und nimmt dann zum Rand hin moderat ab. Am Rand, im Stitching-Bereich, weiss man aber nie so ganz genau, wie das später im fertigen Video aussehen wird. Meist klappt das Zusammenfügen aber wirklich gut, selbst bei Motiv-Teilen, die in der Nähe der Kamera sind. Das zeitaufwändige Stitchenper Desktop-App lohnt sich also ganz offensichtlich.

So bin ich gespannt, was sich beim Workflow und bei der Software in den nächsten Monaten noch tun wird. Die Stabilisierung findet übrigens ausschliesslich in der Software statt, die Kamera hat damit keine Arbeit. Und sie funktioniert derzeit schon gut, was die eigentliche Bildstabilisierungswirkung angeht, das heisst Bewegungen der Kamera werden effektiv beruhigt. Aber derzeit arbeitet die Stabilisierung nur im "Lock"-Modus, wenn man diese einmal mit einem Gimbal-Kopf vergleichen will. Und das ist die Betriebsart, die man praktisch nie braucht. In der Praxis bedeutet das, dass die Kamera wirklich immer in die gleiche Himmelsrichtung schaut. Wenn ich die Fusion also beispielsweise auf meinem Helm so montiere, dass die Vorderseite nach vorne schaut, und ich fahre dann eine 90-Grad-Linkskurve (nach Westen), dann ändert sich die Blickrichtung im fertigen Video nicht. Der Betrachter guckt weiterhin nach Norden, also in Fahrtrichtung gesehen nach rechts. Es dürfte jedoch kein Problem sein, der Software ein sanftes Nachziehen beizubringen.

Ohne Extragehäuse ist die Kamera zudem bis fünf Meter Tiefe wasserdicht, sodass sie problemlos feuchtfröhliche Rad- oder Kajaktouren, beim Schorcheln und im Regen überlebt.

Fazit

Ausgereifte Hardware, noch nicht ganz ausgereifte Software, trotzdem schon empfehlenswert – so könnte das Fazit in der Ultrakurzfassung lauten. Für VR-Videos aber ist die GoPro Fusion derzeit eine super Wahl. Der Workflow ist eher etwas für Semiprofis. Dafür sind die Ergebnisse hochwertig und ich kann alles Wesentliche beeinflussen. Sowohl für die Desktop- als auch für die Mobil-Apps sind noch wichtige Erweiterungen angekündigt, insbesondere für Overcapture (normale Bildausschnitte extrahiert aus Panorama-Videos) und Bildstabilisierung.

Vorteile

  • sehr gute Foto und Video-Qualität

  • ausgereifte, leistungsfähige Hardware

  • mobiler Workflow gewährleistet (mit niedriger Stitching-Qualität)

  • ausgereifte Mobil-App (identisch mit GoPro Hero Modellen)

  • Sprachsteuerung

Nachteile

  • sehr lange Rendering-Zeiten am Desktop (Hardware-abhängig)

  • kein Stativgewinde

  • langsame USB-Schnittstelle

#ActionCam #Unterwasser #360Grad #Reisen #GoPro

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Kontakt: Daniel Jauslin | Unterer Rütschetenweg 25B | CH-4133 Pratteln | blog [at] jauslin.net