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Das Allgäu – ländlich fliessend

Streng genommen ist das Allgäu eine Landschaft in Bayern und Baden-Württemberg, grenzend an Österreich, den Bodensee und die Alpen. Die bekannten Allgäuer Alpen befinden sich grösstenteils in Österreich. Mit der Bahn kann man mehr oder weniger bequem zum Beispiel nach Memmingen, Kempten, Isny oder in eines der anderen, kleinen Orte anreisen. Die Landschaft zieht sowohl Motorrad-, Cabrio-, Fahrrad- als auch Autofahrer gleichermassen an. Die fliessenden Strassen, langgezogene Kurven und hügelige Landschaften lassen uns Autobahnen aus dem Wortschatz streichen.

 


Memmingen

Als frühere freie Reichsstadt seit 1158 geht der Ursprung zurück bis in die Römerzeit. Die Altstadt beherbergt Bürger- und Patrizierhäuser, Paläste und Stadtbefestigungen und gehört zu den besterhaltenen Städten im Süden Deutschlands. Heute vernetzt der internationale Flughafen die idyllische Metropole mit der Welt. Dank der Salzstrasse von Böhmen nach Lindau erlangte der Handelsposten zunehmend an Bedeutung. 1525 wurden in der Kramer Zunftstube die zwölf Artikel unter der Führung von Reformator und Bauernführer Christoph Schappeler manifestiert. Kommendes Jahr lädt die Stadt zur Feier «500 Jahre 12 Artikel» ein. Im Kern dieser Artikel geht es um die Überzeugung «von der Universalität der Menschenrechte» – also auch für die Bauern – die frei sein wollten wie die Schweizer. Schappeler, gebürtig in St. Gallen, wusste als Schulmeister und Theologe genau, was die Memminger antrieb. Unglaublich ist die Tatsache, dass ein rund 300km langes Kanalnetz durch die Stadt führt. Im Kanal Grande findet jährlich im Sommer der traditionelle Fischertag statt. Im Zentrum der Veranstaltung steht der Stadtbach, der schon seit dem Mittelalter bis heute einmal jährlich abgelassen und gereinigt wird. Dem zuvor geht das «Ausfischen», bei welchem rund 1200 Memminger Männer und Frauen in den Stadtbach jucken (springen), mit dem Ziel, die schwerste Forelle mit einem sogenannten "Bären" (ein überdimensionaler Kescher) zu ergattern. Der- oder diejenige mit der schwersten Forelle wird Fischerkönig/in und noch am gleichen Tag gekrönt. Ein Spaziergang durch die Stadt, ein Imbiss an einem der vielen Plätze oder ein Stopp in einer der unzähligen Bäckereien küren Memmingen als spannenden und unterhaltsamen Zeitzeugen.



Unweit der Stadt erleben wir ein privates, geschütztes Kulturgut aus dem 16 Jahrhundert. Schloss Kronburg ist wunderbar erhalten, bewohnt und ein empfehlenswerter Ort für Feste – wie eine Hochzeit, welche das Brautpaar und deren Gäste zurück in die Renaissance versetzt. In Illerbeuren befindet sich der Freilichtmuseum Bauernhof mit dem Museumsgasthaus Gromerhof. Ein romantischer Biergarten lädt zum Verweilen ein, um an einem heimischen Härle Bier, gebraut mit Tettnanger Hopfen, zu nippen und handgemachte «Süsse Zipferl» zu verkosten. Lecker.

 

Isny


Mächtige Türme erheben sich vor einem strahlend blauen Himmel und einem malerischen Alpenpanorama: Isny im Allgäu beeindruckt bereits von Weitem mit seiner historischen Skyline. Fast 1000 Jahre umfasst die bewegte Stadtgeschichte – von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1096 über die Blütezeit als Freie Reichsstadt bis in die Gegenwart. Zwischen dem Wassertor, dem Blaserturm, dem Espantor und den Türmen der Nikolai- und Georgskirche entfaltet sich das lebendige Treiben des Isnyer Stadtlebens.



Die Fussgängerzonen und Plätze des mittelalterlichen Stadtovals sind gesäumt von Gaststätten, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten, eingebettet in historische Gebäude und umgeben von der noch weitgehend erhaltenen Stadtmauer. Inmitten einer idyllischen Natur bietet Isny ein vielseitiges Freizeitangebot in den Bereichen Kultur, Geschichte oder Outdoor-Abenteuer. In dieser charmanten Stadt begeben wir uns auf eine Lauschtour, welche rund eine Stunde dauert. APP downloaden (kostenloses WIFI in der ganzen Stadt) und los geht’s beim Blaserturm mitten in der Stadt. Die Tour führt uns entlang der Stadtmauer, welche grösstenteils erhalten ist und bis ins 12. Jahrhundert zurückdatiert wird. Auch der hochgotische Grundriss des 14. Jahrhunderts blieb glücklicherweise erhalten. Durch den Flachsanbau und die Herstellung feinsten Leinens ist die Kleinstadt zu Wohlstand gekommen. Sie war ein angesehenes Handelszentrum, Isnyer Tuch genoss einen guten Ruf und wurde in ganz Europa gehandelt. Vom Reichtum der Kaufleute zeugen ehemalige Patrizierhäuser, wie das heutige Rathaus. Das beschauliche Stadtzentrum ist sehr gut erhalten. Wir können sogar einige hundert Meter auf der Stadtmauer gehen, aus den Schiessscharten den Ausblick erkennen, wie sie einst die Verteidiger hatten. Schöne Erker diverser Häuser waren für die liebreizenden Frauen errichtet worden – damit diese ihren Wohlstand zur Schau stellen konnten…


Die Predigerbibliothek von 1462 in der Nikolaikirche ist ein Highlight für sich. Die Prädikanten konnten unter anderem auf Schriften von Zwingli samt handschriftlicher Erläuterungen Ulrich’s am Seitenrand zurückgreifen, um Predigten in deutscher Sprache vorzubereiten. Die bis heute einzige, in ihrem ursprünglichen Zustand original erhaltene Stiftsbibliothek aus dem Mittelalter ist einen Besuch mehr als wert. Sie geht zurück auf eine Sammlung des Isnyer Pfarrers Konrad Brenberg, die im Jahr 1482 erstmals urkundlich erwähnt wird. Kreuzrippengewölbe, Fresken und Mobiliar der Predigerbibliothek aus dem 15. Jahrhundert haben Kriege und Brände unversehrt überstanden.


In den Regalen stapeln sich wertvolle Handschriften und Wiegendrucke aus der Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks (1450 bis 1500). Besondere Kostbarkeiten sind die Topographien von Merian (17. Jahrhundert) sowie ein Amsterdamer Atlas (17. Jahrhundert) – und eines von zwei «Grosses Strassburger Gesangbuch» von 1541. Nur wenige Meter entfernt stossen wir auf die imposante Schlossanlage, welche ein bedeutendes Zentrum für Kunst und Kultur in der Stadt ist. Im früheren Konvent des Schlosses befindet sich heute die Kunsthalle, die vom heimischen Künstler Friedrich Hechelmann gestaltet wurde und sein künstlerisches Werk beherbergt. Seit 2010 präsentiert die Städtische Galerie im Schloss in der ehemaligen Remise wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, während das Städtische Museum in seinen Räumen Wechselausstellungen zur Stadt- und Regionalgeschichte zeigt. Zahlreiche Veranstaltungen, die speziell für die aussergewöhnlichen Räumlichkeiten des Schlosses konzipiert wurden, bereichern das kulturelle Angebot. Ein Blick in die Marienkapelle von oben ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Am Ortsrand Felderhalde stossen wir auf den Bikepark «Max Wild Arena». Ein Skilift mit Schneegarantie, welcher im Sommer als Bikepark und Fahrradspielplatz für die ganze Familie umfunktioniert wird. Cool. Während die Kleinsten sich mit dem Laufrad sicher bewegen und ihre koordinativen Fähigkeiten üben, sausen die Grösseren mit dem Mountainbike den sonnig gelegenen Hang in drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden hinunter. Unten trifft sich die ganze Familie zur Einkehr in der «Schönegger Käsealm», sowie zum Spielen und Toben auf dem Spielplatz.

Dort leihen wir uns zwei Bikes aus, mit welchen wir die Umgebung erkunden. Wir radeln in die Stadt hinunter. Dort setzten wir uns in eines der vielen, netten Cafés und informieren uns über passende Routen. Wir empfehlen die Heumilch-Käserunde (29km) und die Argenwege (41km). Meist auf Radwegen gleiten wir durch das malerische Allgäu, erfreuen uns ob der herrlichen Landschaft, Seen und Moore. Wir machen Pause auf Bänken entlang der Routen und spielen Karten im Biergarten.

 

Wangen

Wangen im Allgäu ist eine malerische, liebevoll restaurierte ehemalige Reichsstadt, die mit einer Vielzahl historischer Gebäude und einem der schönsten Strassenzüge Süddeutschlands bezaubert. Rund 25 Brunnen aus Stein oder Gusseisen und originelle Figurenbrunnen laden zu einer erfrischenden Brunnenwanderung durch die Stadt ein.


Überall gibt es beeindruckende Skulpturen, Kapellen, Kirchen und Klöster zu entdecken. Ein besonderes Highlight ist die Ruine in der Ortschaft Neuravensburg, welche ebenfalls zu den sehenswerten Attraktionen Wangens gehört. Die Esel- oder Stadtmühle wird 1436 als Stadtmühle erstmals erwähnt. Der Mahlbetrieb wurde 1937 eingestellt. Seit 1969 ist die Mühle im Besitz der Stadt, die sie renovieren liess und darin ihr Heimatmuseum einrichtete.

 

Lindenberg

„Hut auf, gut drauf!“ – so zu hören in der charmanten Hutstadt Lindenberg im Allgäu. Mit atemberaubendem Blick auf die Alpen und den Bodensee bietet das junge Städtchen eine faszinierende Mischung aus Naturidylle, Industriegeschichte und regionalem Genuss. Dank seiner privilegierten Höhenlage zählt Lindenberg seit Jahren zu den sonnigsten Orten Deutschlands – da tut ein Hut wirklich gut. Einst das Zentrum der deutschen Hutindustrie, können Besucher dieser Geschichte im Deutschen Hutmuseum nachspüren. Dort wurden bereits im Jahre 1755 jährlich 30000 Hüte fabriziert. 1908 verliessen 8 Millionen Exemplare der Hut Company Lindenberg. Im Museum erfahren wir, wie aus Halmen eine Borte wird und dass in Lindenberg schon sehr früh Elektrizität in die Haushalte einzog, damit auch in Heimarbeit Hüte nachhaltig produziert werden konnten. Lindenberg im Allgäu lebte einst vom Pferdehandel mit Italien. Laut Überlieferung musste ein Pferdehändler wegen Krankheit in Italien überwintern. Während seines unfreiwilligen Aufenthalts beobachtete er das Strohflechten und Hütemachen und brachte diese Kenntnisse mit nach Lindenberg.

Zunächst wurden die Hüte nur für den Eigenbedarf hergestellt, doch ab 1755 organisierte man die Produktion und den Vertrieb. In der Biedermeierzeit um 1830 entstanden die ersten Hutfabriken, und bis 1890 gab es bereits 34 Strohhuthersteller. Anfang des 20. Jahrhunderts galt Lindenberg als Zentrum der deutschen Herrenstrohhutindustrie und wurde liebevoll „Klein-Paris“ der Hutmode genannt. 1914 wurde der Markt Lindenberg zur Stadt erhoben. In den 1920er-Jahren erlebte die Strohhutindustrie eine Krise. Die Betriebe reagierten mit der Produktion von Hüten aus Filz, Leder, Dralon und Pelz, was ihnen einige Zeit lang Erfolg brachte. Doch in den 1960er- und 70er-Jahren setzte sich eine hutlose Mode durch, die viele traditionsreiche Firmen zur Aufgabe ihrer Produktion zwang. Die Hutindustrie verlor ihre herausragende Stellung im wirtschaftlichen Leben Lindenbergs. Heute ist die Firma Mayser die letzte namhafte Hutfabrik am Ort. Das Deutsche Hutmuseum erinnert an diese Zeit und die Ursprünge des heutigen Lindenbergs. Mit originalen Arbeitsgeräten und Maschinen wird die Herstellung von Hüten anschaulich dargestellt. Zudem zeigt das Museum eine beeindruckende Sammlung von Hutmodellen aus verschiedenen Epochen, welche die Modestile vergangener Jahrhunderte lebendig werden lassen. Ein Bummel durch die Stadt, ob mit oder ohne Hut, ist ein Muss.

 

Berghotel Jägerhof

Unsere 4 Sterne Superior Unterkunft während der Reise liegt abgelegen rund 5km von Isny entfernt auf einer Anhöhe mit traumhaftem Ausblick auf das Allgäu, den Bregenzer Wald und die Schweizer Alpen. Die grosszügige Hotelanlage besteht aus drei miteinander verbundenen Gebäuden in elegantem Landhausstil, umrahmt von gepflegten Grünanlagen und einem Wildgehege. Sie wurde vor mehr als 80 Jahren erbaut und ist seitdem ein beliebtes Reiseziel für Menschen, die sich nach einem erholsamen Urlaub in der Natur sehnen. Mit seiner Lage inmitten atemberaubender Berglandschaften ist das Berghotel ein perfekter Rückzugsort für Wanderer, E-Biker und Naturliebhaber. Wir beziehen eine «Maisonette» mit 42m2 Fläche, Südbalkon, TV auf beiden Stockwerken, 2 Betten à 90cm, Zimmersafe und Dusche. Ein kleiner Balkon rundet das Angebot ab. Alles ist nett renoviert.

Für die Minibar könnten wir auf Anfrage an der Rezeption Getränke von der Bar beziehen. Das WLAN ist das langsamste je gemessene und bietet nur gerade 4.67 Mbps Down- und 5.32 Mbps Upload. Das reicht nicht, um Fotos oder Videos mit der Familie oder Freunden zu teilen. Im Hallenbad mit angenehmer Wassertemperatur fällt uns auf, dass grossflächige Wandmalereiern ein südländisches Panorama zeigen – anstelle des pittoresken Allgäus. Schade. Eine kleiner Nassbereich mit Sauna, Dampfbad und Ruheraum steht allen Gästen frei zur Verfügung.

Das grosszügige Frühstücksbuffet hat alles, was das Herz begeht – und mehr – zur Auswahl bereit. Frische Brote und Brötchen, Eierspeisen, Marmeladen, teils selbst hergestellt, Wurstwaren, Waffeln, Müesli, frischer Obstsalat und Birchermüesli und vieles mehr. Die Qualität ist auffallend gut und die Speisen sind frisch.

Auch das Abendessen hat uns vollends überzeugt. Wir erleben ein aufwendiges, Italienisches Buffet wie auch ein vielseitiges Grillbuffet, welches den Gästen mit Halbpension zur Verfügung steht: Vorspeisen wie Blatt-, Kartoffel- und Thunfischsalat; Hauptgerichte wie Flanksteaks, Schweinekarree und -bauch, Garnelen, Hähnchen, Lachs und Grillkäse; Beilagen wie Grillgemüse, Mais, Baked Potatoes mit diversen, passenden Saucen und ein Dessertbuffet runden das Angebot ab.

 

Epilog

Das Allgäu ist facettenreich und hat uns ausserordentlich positiv überrascht. Wir werden die Gelegenheit nutzen, in der Zukunft unseren Lesern eine Motorradtour und passende Stell- und Campingplätze vorzustellen und freuen uns darauf, all die Kostbarkeiten, welche uns bei dieser Reise entgangen sind, beim nächsten Mal zu entdecken.




 

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